Rückblick_Ausblick_Blicksch du s net?

Die Saison 2016/2017 ist beendet und der VfB Stuttgart ist aufgestiegen. Die Ultrasgruppe Schwabensturm hat bereits einen Saisonrückblick veröffentlicht und  darin gefragt, ob am Ende nur das nackte Ergebnis zählt oder wir mit der Saison vollumfänglich zufrieden sein können.

Im Übrigen ist insbesondere in den sozialen Medien grenzenlose Euphorie angesagt. Auch Ausgliederungsgegner freuen sich über den Aufstieg, gleichwohl VfB-Vorstand Röttgermann zumindest dem Commando Cannstatt unterstellt, sportlich lieber in der Oberliga unterwegs zu sein.

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Weit unter Oberliga-Niveau war in den letzten Wochen sicherlich das Niveau der Ausgliederungsdiskussionen. Das war mal anders und das war damals für mich der Grund, mich in dieser Thematik zu engagieren. Ich möchte daher die Gelegenheit nutzen, einen kleinen Rückblick zu wagen, einen Ausblick – aber auch darauf einzugehen, was ich seit Wochen höre: Blicksch du s eigentlich net oder warum bisch du emmer no gega dia Ausgliederung?

Seit September 2013 beschäftige ich mich intensiv mit den Vor- und Nachteilen einer Ausgliederung und damit, wie andere Vereine ausgegliedert haben und was dadurch erreicht wurde. Erst gestern habe ich mich lange mit einem HSVer unterhalten, der unsere Situation verfolgt und Parallelen erkennt: der HSV hat Ende Mai 2014 in eine AG ausgegliedert, kurz nachdem sie einmal mehr sportlich beinahe Schiffbruch erlitten hatten. Der SPIEGEL schrieb dazu, dass „die Weichen für eine erfolgreichere Zukunft gestellt“ sind. Weiter heißt es im SPIEGEL:

„Wir haben jetzt eine historische Chance. Die müssen wir nutzen, um den HSV wieder nach oben zu führen“, sagte HSVPlus-Initiator Otto Rieckhoff. In drei Jahren soll der HSV wieder um die Teilnahme am Europapokal spielen. „Wir überlassen nichts dem Zufall, haben klare Vorstellungen und sind bestens vorbereitet“, sagte Thomas von Heesen. Der ehemalige HSV-Profi ist für den Posten des stellvertretenden Aufsichtsratschefs vorgesehen.

Zwischen Beginn der Veranstaltung und der entscheidenden Abstimmung lagen rund sechs Stunden Diskussionen und 35 Redebeiträge. Dabei ging es nicht immer fair unter den Mitgliedern zu. Gerade die Kritiker von HSVPlus wurden wieder und wieder ausgebuht.

„Dieses Votum ist die Startlinie, um den Verein wieder in eine erfolgreiche Zeit zu führen“ sagte damals Aufsichtsratschef Gernandt. Dass sich die Finanzprobleme seit der Ausgliederung verschärft haben, liegt primär an den hohen Investitionen in die Mannschaft, die den erhofften sportlichen Erfolg nicht erbracht haben. Mehr als 50 Millionen Euro steckte der HSV in zwei Jahren in den Profikader. … Zumindest erhöht der HSV durch den jüngsten Sprung auf Platz zehn die Einnahmen aus dem TV-Topf um 3,4 Millionen Euro auf 27,65 Millionen Euro. … Das formulierte Ziel von HSVPlus war die Entwicklung von Talenten und deren Einbau im Profikader. „Wir wollen in drei Jahren eine solide Mannschaft mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs haben“, sagte Gernandt im Sommer 2014. Auch im Unternehmensleitbild wurde dieser Vorsatz verankert. Faktisch verfügte der HSV zuletzt über die im Schnitt älteste Startelf der Liga. 

Die im letzten Absatz farblich hinterlegten Worte sind Zitate aus dem Hamburger Abendblatt vom 25. Mai 2016. Weiter heißt es dort: Mit der Wahl für HSVPlus haben sich die Mitglieder bewusst gegen eine starke Mitbestimmung entschieden. Das Interesse am Gesamtverein wurde im Januar deutlich, als nur 309 Stimmberechtigte zur Versammlung kamen.

2017 kamen übrigens wieder 381 Mitglieder zur Versammlung. Bei der letzten MV vor der Ausgliederung waren es über 9.700 Mitglieder. Mein Bekannter war 2014 dabei und hat für die Ausgliederung gestimmt. Gestern sagte er mir, dass er bis heute nicht begreifen könne, wie er sich damals hat umstimmen lassen. Herr Kühne als Ankerinvestor hatte ihn überzeugt. Ein Hamburger Unternehmer, in Hamburg geboren, HSV-Fan seit vielen Jahren. Er lachte und meinte, dass dessen Unternehmen Kühne+Nagel sogar diesen Anker als Firmenlogo habe. Der HSV hatte knapp 40 Mio. Euro Eigenkapital durch die Ausgliederung eingenommen.

Parallelen zum VfB erkenne scheinbar nur ich.

Ähnliche Erfahrungen sammelte auch Borussia Dortmund nach erfolgter Ausgliederung. Die Einnahmen sollten in „Steine und in Beine“ investiert werden. Tatsächlich wurden dann innerhalb kürzester Zeit mit den Verpflichtungen von Rosicky, Koller und Amoroso alle Bundesligatransferrekorde pulverisiert, für Infrastruktur blieb nichts mehr übrig. Da der Erfolg sich nicht einstellte und die Rekordgehälter weiterbezahlt werden mussten, brachten die Folgen Borussia Dortmund nahe an den finanziellen Ruin.

http://www.stern.de/sport/fussball/ueberlebenskampf-des-bvb–zur-not-eben-fc-dortmund–3547786.html

Herr Dietrich entgegnete mir am 4. Mai 2017 in einer von den Stuttgarter Nachrichten veranstalteten Diskussionsrunde, dass die Ausgliederung des VfB mit anderen Ausgliederungen nicht vergleichbar sei, da sich der Fußball in den letzten Jahren zu stark verändert habe. Was sich nicht verändert hat ist zumindest die Rolle des HSV im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga.

Dass sich die Fußballwelt verändert hat ist mir schon auch klar. Auch ein Ausgliederungsgegner ist kein Idiot. Auch einem Ausgliederungsgegner ist bewusst, dass mit 40 Millionen Euro mehr die Möglichkeiten größer sind. Um der bildlichen Sprache der Herren Dietrich & Heim zu folgen bemühe ich gerne deren oft gebrauchtes Beispiel: wenn der LKW vom Daimler 40 Mio. geladen hat und an der Mercedesstraße abbiegen will, dann winken sie ihn ungern am Hoftor des VfB vorbei. Auch als Ausgliederungsgegner würde ich den LKW hereinwinken, wenn er nur abladen wollte. Aber der LKW fährt ja nicht leer wieder weg und ich überlege mir: was hat die Gegenleistung für einen Wert?

Diese Frage haben sich auch die HSVer 2014 gestellt, als ihr Ankerinvestor mit den Scheinen wedelte. Es sah lange so aus, als ob die Ausgliederung keinerlei Chance auf Erfolg hat und dennoch gab es am Ende einen Erdrutschsieg. Viele haben nicht verstanden, wie das passieren konnte. Mit der Erfahrung der letzten Wochen  und der Erkenntnisse, wie die Diskussionen beim VfB ablaufen verstehe ich, was passiert ist. Der Druck auf Ausgliederungsgegner wächst mit Totschlagargumenten a la „ewiggestrige“, Versprechungen führen zu einer Euphoriewelle, Risiken werden vollständig ausgeblendet.

Die jüngste Ausgliederungshistorie des VfB lässt sich in zwei Phasen unterteilen: Phase 1 überschreibe ich mal mit „Bernd Wahler“ und Phase 2 mit „Nach Bernd Wahler“. Unter Herrn Wahler haben wir über die Ausgliederung diskutiert. Es gab Befürworter und es gab Gegner. Ich weiß nicht, von was es mehr gab aber im Rahmen der Regionalversammlungen haben sich durchaus beide Seiten zugehört. Der damalige Projektleiter des VfB (ist er es heute immer noch? man hört gar nichts mehr von ihm) sagte sehr offen in größerer Runde, dass eine KGaA als Alternative zur AG nicht in Betracht komme, da Daimler das nicht wolle. Es war einst bei der Regionalversammlung in Heilbronn, als er mit den Worten „entweder eine AG oder keine Ausgliederung“ zitiert werden konnte. Wenn Daimler das als Ankerinvestor nicht will, dann ist das ja eine klare Aussage und jeder kann für sich selbst entscheiden, ob er dann der Ausgliederung zustimmt oder es bleiben lässt. Heute ist die allgemeine Antwort auf die Frage nach der KGaA, dass man selbstverständlich alle Alternativen geprüft habe und die AG die beste von allen Lösungen sei. Für Daimler scheinbar bestimmt.

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Ich empfinde die Diskussion aber nicht mehr als ehrlich. Und wenn ich in einem Punkt enttäuscht werde, dann wächst mein Misstrauen auch in anderen Punkten.

Ein weiteres Beispiel: Während der Zeit von Bernd Wahler erläuterte Herr Heim, ebenfalls auf der Regionalversammlung in Heilbronn, dass mit den Ausgliederungsmillionen unbedingt die VfB Stuttgart Beteiligungs-GmbH abgelöst werden müsse, da diese den VfB finanziell erheblich belaste. In der „Nach Bernd Wahler“ Ära ist davon keine Rede mehr. Denn nun sind plötzlich die Trainingsplätze der Jugend so schlecht, dass neben deren Erneuerung nur noch Geld für den aktuellen Profikader bleibt. Man könnte im Casino auch alles auf rot setzen.

In oben erwähnter Diskussionsrunde der Stuttgarter Nachrichten vom 4. Mai 2017 wurde ich von Herrn Dietrich wiederholt darauf verwiesen, dass „man das ja wirklich schon in aller Tiefe im Projekt Vereinsentwicklung diskutiert und protokolliert“ habe. Sobald ich in anderen Punkten darauf verwiesen hatte, dass jenes im Projekt Vereinsentwicklung anders besprochen war, wurde mir entgegnet, dass dies dann halt nicht mehr aktuell sei. Apropos protokolliert: war es nicht Wolfgang Dietrich, der nach seiner Wahl die komplette Dokumentation zur Vereinsentwicklung hat löschen lassen?

Nach der Veranstaltung bekomme ich mit, dass – ich war zu der Zeit bereits nicht mehr dabei – veröffentlicht wurde, der VfB habe mir ein Gespräch zur Ausgliederung angeboten, welches ich abgelehnt habe. Diese Anfrage war Teil eines wenige Tage dauernden und noch nicht abgeschlossenen Mailverkehrs mit einem „Direktor Recht“ des VfB. Teil des Mailverkehrs war die – wenn man den Mailverkehr kennt – verständliche Forderung des VfB, die Veröffentlichung von Aussagen nicht ohne eine Abstimmung vorzunehmen. Umso enttäuschter war ich, dass Aussagen dann doch veröffentlicht wurden und das dann aber auch nicht in meiner Gegenwart, sondern erst, nachdem ich es nicht mehr mitbekomme. Ich hoffe auf Ihr Verständnis Herr R., dass ich danach keine Lust mehr hatte, weiterhin mit Ihnen zu kommunizieren.

Ein Bekannter von mir, den ich im Rahmen der Ausgliederungsdebatte gestern für ein öffentliches Statement gewinnen wollte hat mir abgesagt. Er ist BWLer mit Doktortitel und nicht völlig auf den Mund gefallen. Sein VfB-Herz schlägt mit meinem um die Wette. Er schrieb mir unter anderem: „Nach der Veranstaltung in … habe ich für mich beschlossen, mich da öffentlich raus zu halten. Dir werden die Wörter im Mund rumgedreht und man wird diffamiert. Das ist mir auch beruflich zu heiß, da ich … manchmal mit Vorständen zu tun habe, die sicher Herrn Dietrichs best friends sind. Ich habe versucht … so kritisch als möglich zu sein, aber dennoch in einer gewissen Anonymität zu bleiben. Es tut mir leid, dass ich hier nicht mehr helfen kann!“ Schade!

Ebenfalls werde ich von Businesspartnern des VfB informiert, dass sie von Dritter Seite Schreiben erhalten, in denen wie folgt für die Ausgliederung geworben wird:

Schreiben Business Partner

Das Schreiben liegt mir selbstverständlich vollständig vor, inklusive den Adressaten und inklusive dem Absender. Ich bitte um Verständnis, dass ich beides nicht veröffentliche. Die Businesspartner kritisieren hauptsächlich die Weitergabe ihrer Daten durch den VfB an Dritte. Ich kann den Businesspartnern hierzu nur die Rückmeldung geben, dass ich der falsche Ansprechpartner bin.

Beschwerden über die Vorgehensweise und die Diskussionskultur häufen sich. Insgesamt ist bisher aber niemand bereit, sich öffentlich zu positionieren.

Das Commando Cannstatt hat am 17. Mai eine umfassende Stellungnahme zur Ausgliederung veröffentlicht und zahlreiche Feststellungen mit Quellen hinterlegt. Eine der Quellen war der VfB-Blog. Aus den Zugriffszahlen des Blogs kann ich beurteilen, dass sich kaum jemand die Mühe gemacht hat, die Quelle zu verifizieren.

Der VfB Stuttgart wurde mit den Aussagen der führenden Gruppe der Cannstatter Kurve konfrontiert und hatte Gelegenheit, Stellung dazu zu beziehen.

http://www.zvw.de/inhalt.vfb-stuttgart-der-vorstand-reagiert-auf-kritik-der-ultras.1afdf6e2-d71d-4878-b988-76feb9a8e1e9.html

Einmal mehr betont Wolfgang Dietrich dabei, dass es zu weit gehen würde, Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Wer auf der Internetseite „ja-zum-Erfolg“ diese Gegenüberstellung sucht wird ebenfalls enttäuscht. Rot-Weiß Essen, sie wollen am 11. Juni ausgliedern, ist uns da einen Schritt voraus. Die spielen übrigens auch nicht Oberliga und wollen das auch gar nicht. LINK.

Auch Mainz 05 geizt nicht und präsentiert seinen Mitgliedern ein unabhängiges Gutachten, welches zu folgendem Fazit kommt:

Eine Anpassung der Strukturen von Mainz 05 an die Erfordernisse eines modernen
Wirtschaftsunternehmens ist aus unserer Sicht sinnvoll und geboten.

Die hierfür erforderliche Umstrukturierung kann sowohl durch eine Ausgliederung des
Lizenzspielerbereichs als auch durch eine bloße Modernisierung der Vereinsstrukturen erreicht werden.

Ein rechtlicher oder faktischer Zwang zur Ausgliederung besteht aber derzeit nicht.

Nach unserer persönlichen Auffassung werden die derzeitigen Interessen von Mainz 05 durch eine Anpassung der Strukturen im Verein ausreichend gewahrt. Der umfangreiche und aufwändige Weg der Ausgliederung erscheint uns derzeit (noch) nicht notwendig. Dies schließt nicht aus, dass zukünftige Entwicklungen eine Ausgliederung als sinnvoll oder gar notwendig erscheinen lassen. Zum heutigen Zeitpunkt erscheint es uns aber ausreichend und vorzugswürdig, wenn zunächst eine Anpassung der Vereinsstrukturen erfolgt. Diese kann sodann in der Praxis erprobt werden. Sollte sie sich als nicht ausreichend erweisen, kann eine Ausgliederung noch immer geplant und durchgeführt werden.

LINK

Herr Röttgermann führt dagegen aus, dass man natürlich Propaganda betreibe aber dennoch Kritik gegenüber aufgeschlossen sei. Nur reden möge man darüber nicht.

Nochmal: auch Ausgliederungsgegner sind nicht vollständig auf den Kopf gefallen. Ja, mit Geld kann man gut umgehen, wenn man es kann. Es gibt gleichwohl faktisch Punkte, die gegen eine Ausgliederung sprechen. Es muss jeder für sich selbst beurteilen, ob er sich damit auseinandersetzen mag oder nicht. Wenig ruhmreich agiert an dieser Stelle die Presse. Unkommentiert darf Herr Dietrich dort sagen: „Es gibt kein Risiko“, sagt Dietrich. „Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die 100 Millionen Euro verpuffen und wir am Ende da stehen, wo wir jetzt sind.“ Kritische Rückfragen dagegen werden im gleichen Bericht wie folgt kommentiert: und man muss Dietrich verstehen, dass ihm fast die nichtvorhandene Hutschnur platzte.

Das ist ungeheuer schade!

Wenn es kein Risiko gäbe und wir am Ende der 40 bis 100 Millionen dort stehen wo wir heute stehen: hätten wir dann nicht schon vor 5, 10, 15 oder 20 Jahren ausgegliedert? Warum machen wir uns dann jahrelang Gedanken, wie wir es den Mitgliedern verkaufen? Warum dieses jahrelange Rumgeeiere?

An dieser Stelle möchte ich auf das eingangs erwähnte „Blicksch du s net?“ eingehen. Das wird mir in letzter Zeit erstaunlich oft entgegnet, wenn ich wieder mit Risiken etc. komme. Angenommen, ich verstehe es tatsächlich nicht: wer hat sich bisher die Mühe gemacht, es mir zu erklären? Wer hat ein Argument für die Ausgliederung, das darüber hinausgeht, dass wir 40 Millionen bekommen? Und wer kann sich selbst daran erinnern, dass je eine Entscheidung gut war, die vor dem Hintergrund getroffen wurde, möglichst schnell möglichst viel Geld zu benötigen?

Wer kann mir sagen, von wem die restlichen 60 Millionen bis zu den erhofften 100 Mio. herkommen sollen? Wolfgang Dietrich hat zuletzt erstaunlich offen darüber gesprochen, dass hier kein Investor in Aussicht ist und er quasi jeden nehmen würde. Der viel zitierte regionale Bezug interessiert dann nicht mehr? Oder interessiert er doch? Aber würden wir den Scheich weiterfahren lassen, wenn er mit einem LKW mit 60 Millionen in die Mercedesstraße abbiegen möchte?

Auch die Stuttgarter Presselandschaft dürfte aus meiner Sicht gerne ein wenig kritischer nachbohren. Wenn jüngst VfB-Aufsichtsrat Porth gefragt wird, ob er als Daimler-Vertreter keinen Interessenskonflikt sieht – was soll er denn darauf antworten? Die Frage geht in die richtige Richtung aber die Antwort weiß jeder Leser im Voraus. Guter Journalismus hebt sich dadurch hervor, dass er den Finger in die Wunde legt. Der führende Mitarbeiter einer Stuttgarter Nachrichten-Gazette bescheinigt mir in einer SMS, dass ich der Dorn im Fleisch sei und die Diskussion belebe. Ich fände es schön, wenn er selbst auch ein wenig mehr weh täte.

Was wir mit dem Geld machen scheint jedem völlig klar zu sein. Vielleicht hat aber auch jeder nur eine eigene Vorstellung. Einen Wunsch. Einen Traum. Einen Teil davon investieren wir in die Jugendplätze, denn auf denen hat laut Herrn Heim schon Hansi Müller gespielt. Scheinbar hat dann in den vergangenen 30 Jahren auch niemand die Notwendigkeit gesehen, hierfür mal kaufmännisch sinnvoll Rücklagen zu bilden. Die Restrukturierung des Nachwuchsbereiches war ein zentrales Wahlkampfthema von Herrn Dietrich.

Mein Konzept sieht vor, dass das Nachwuchsleistungszentrum wirtschaftlich in Eigenregie geführt wird, also abgekoppelt vom Profibereich.

http://www.swp.de/ulm/sport/fussball/ueberregional/_wir-sind-ein-gutes-team_-14085089.html

Den Nachwuchs vom Profibereich abkoppeln wollen, ihn dann zusammen mit dem Profibereich auslagern um ihn wirtschaftlich in Eigenregie zu führen, dazu aber das durch die Auslagerung vereinnahmte Geld verwenden? Man darf aber schon mal kritisch fragen, was wir hier tun, oder?

Der aktuelle Vorstand arbeitet seit Oktober in dieser Besetzung zusammen. Zuletzt entgegnete mir Herr Dietrich, was er denn noch tun müsse, um mein Vertrauen zu bekommen. Momentan wird im Ausgliederungswahlkampf viel Hoffnung geschürt. Scheinbar geht es uns gut, wenn uns jemand was verspricht. Wahlkampf bleibt Wahlkampf.

Ebenso die Jugendarbeit betrifft auch die Aussage des Sportvorstands Jan Schindelmeiser bzgl. der infrastrukturellen Möglichkeiten, die ebenso in der Einladungsunterlage zur a.o. MV zu finden ist: „Endlich können wir die nicht mehr zeitgemäße Infrastruktur unseres Trainingsbetriebes für Profis und Nachwuchs verbessern“. Keine drei Jahre nach der stolzen Eröffnung des neuen Nachwuchsleistungszentrums, mit der laut dem damaligen Präsidenten Bernd Wahler „optimale Voraussetzungen für die Ausbildung unserer Talente geschaffen“ wurden, soll dies also schon nicht mehr zeitgemäß sein?

http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/616270/artikel_vfb-weiht-neues-nachwuchsleistungszentrum-ein.html

Anfang diesen Jahres wurde dieses Nachwuchsleistungszentrum mit der dort erbrachten Arbeit jedenfalls mit Bestnoten durch die von DFB und DFL beauftragte Agentur Foot Pass bewertet. Ein elementarer Bestandteil der Bewertung ist neben der praktischen sportlichen Ausbildung: die Infrastruktur.

http://www.vfb.de/de/vfb/aktuell/neues/junge-wilde/zertifizierung-vfb-nachwuchsarbeit/

http://www.dfb.de/verbandsservice/fakten-und-hintergruende/bausteine-zur-umsetzung-in-der-praxis-ii/

Ein Schwerpunkt der Investitionen in den Jugendbereich ist daher nur schwer vorstellbar. Und wenn man die Unterlage des VfB zur a.o. MV genau liest auch gar nicht in Planung.

aoMV

Ein weiteres Thema sind und bleiben die Mitgliederrechte. Die werden laut Herrn Dietrich nicht geschwächt, sondern gestärkt.

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Demgegenüber steht bspw. die unabhängige Aussage der oben erwähnten und im Auftrag von Mainz 05 tätigen Gutachter, die zu folgendem Schluss kommen:

„Jede Ausgliederung führt zu einer Verringerung der Einflussmöglichkeiten des
Vereins, seiner Organe und Mitglieder auf den Profisport“.

Der Teufel steckt im Detail. Die Mitglieder hätten tatsächlich mehr Rechte. Diese Rechte beschränken sich aber auf den e.V. und der Fußball ist dann nicht mehr Teil des e.V.! Er wurde ja bewusst und willentlich aus dem e.V. ausgegliedert. Insofern ist die Aussage von Herrn Dietrich richtig aber ich empfinde sie als irreführend. Vielen wird es gar nichts ausmachen, künftig keine Mitgliederrechte mehr zu haben. Manchen aber schon. Und manchen wird gar nicht bewusst sein, was für Konsequenzen eine solche Ausgliederung hat. Hier hat der VfB herzlich wenig getan, um diese Mitglieder ausreichend zu informieren.

Konkrete Beispiele für die aus der Ausgliederung resultierenden Veränderungen gibt es viele. Ich versuche mich an einem an sich ausgelutschten Thema, was aber dafür recht plakativ ist:

Bei der historischen Mitgliederversammlung vom 22. Juli 2013 ist es den Vereinsmitgliedern zuerst gelungen, durch eine „Abstimmung über das VfB Wappen zur Vorbereitung der Satzungsänderung“ zum alten Wappen zurückzukehren – für die Rückkehr stimmten 2.875 Mitglieder. Anschließend erfolgte dann der „Antrag auf Änderung von § 1 der Satzung gemäß Anlage“, also die Verankerung des Wappens in der Satzung des Vereins. Diese Satzungsänderung benötigt eine Mehrheit von mindestens 75% und wurde durch die Stimmen von 92,1% der Anwesenden locker übersprungen. Damals hatten nahezu 500 Personen mehr für die Verankerung des alten Wappens in der Satzung gestimmt, als vorher überhaupt das alte Wappen befürworteten. Ein klares Votum für ein Wappen, was nun dauerhaft den VfB Stuttgart e.V. repräsentieren soll.

Im Falle einer möglichen Ausgliederung in eine VfB-AG ergäbe sich nun folgender Zustand:

Das in der Satzung des Vereins verankerte Wappen wird ebenfalls in der Satzung der AG verankert. Für Satzungsänderungen ist in der AG die Hauptversammlung zuständig. In dieser vertritt der e.V. -Präsident die 75,1% Stimmanteile des e.V. und könnte somit allein eine Wappenänderung für die AG und damit die Profiabteilung herbeiführen. Fazit: was heißt eine mögliche Ausgliederung für unser Wappen?

Erstmal ändert sich das Wappen selbstverständlich nicht, jedoch werden die Mechanismen für eine eventuelle Änderung oder Anpassung des Wappens deutlich abgeschwächt. Während vorher über 75 % der Vereinsmitglieder eine Änderung des Wappens in der Satzung herbeiführen mussten, genügt nun die 1 Stimme des Präsidenten in der Hauptversammlung der AG.

Wie gesagt: es ist nur ein Beispiel. Aber vielleicht verdeutlicht es die Bedenken. Denn was für das Beispiel gilt, gilt auch für weniger plakative Angelegenheiten.

Ähnliche Beispiele könnte ich noch beliebig, ja schier endlos weiterführen. Ich möchte eure Geduld aber nicht überstrapazieren. Vielleicht beantworten die Beispiele aber die Frage: Blicksch du s net?

Wie alle anderen auch glaube ich schon, dass ich es blicke. Ich bin aber nicht bereit, alles zu schlucken, was mir an Häppchen vorgeworfen wird. In diesem Sinne möchte ich zum Ausblick kommen:

  • Geht zur Mitgliederversammlung!
  • Hört euch die Meinung beider Seiten an.
  • Stimmt nach bestem Wissen und Gewissen für oder gegen die Ausgliederung!

Es wäre sehr bedauerlich, wenn wir die Diskussionskultur der letzten Wochen auch bei der Mitgliederversammlung fortführen würden. Ich empfehle jedem, im Internet ein wenig über die Ausgliederungsversammlung beim HSV zu lesen. Was dort passiert ist, erwarte ich auch bei uns. Bereits nach der letzten Mitgliederversammlung wurde ich in der Presse mit den in diesem Blog veröffentlichten Worten zitiert, dass wir uns nicht mit Ruhm beckleckert haben. Dies betraf insbesondere die abgebrochene Aussprache. Am 1. Juni haben wir vielleicht letztmalig die Möglichkeit, dem was wir alle lieben demokratische Strukturen zu verpassen. Gebt uns die Chance, etwas Historisches zu erreichen.

Ob und wenn ja wie der VfB-Blog nach dem 1. Juni weitergeführt wird weiß ich noch nicht. Ich bedanke mich bei allen Leserinnen und Lesern, vor allem für die zahlreichen Rückmeldungen. Vielen Dank!

Ich würde mich freuen, wenn die Profifußballabteilung des VfB Stuttgart Teil des e.V. bleibt.

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