Die raute Sache. Teil 2.

Ob es in Hamburg zur Ausgliederung kam war lange nicht klar. Insbesondere der als mächtig geltende Supporters Club, eine in Deutschland einzigartige Fanorganisation mit rund 56.000 (HSV-Vereins-) Mitgliedern sprach sich offen gegen die Ausgliederung aus.

Der Erhalt und die Stärkung der Mitgliederrechte ist für uns ein nicht verhandelbares Gut. Von daher stehen wir einer Ausgliederung ablehnend gegenüber. Unser Verein und seine Strukturen lassen es zu, dass sowohl erfolgreicher Profifußball alsauch traditioneller Vereinssport möglich ist. Auch hindert unsere Struktur niemanden daran, Geld zu investieren. Was spricht dann für eine Ausgliederung der Fußballprofiabteilung? Aus unserer Sicht gibt es nicht ein Argument, was für die Spaltung des Vereins spricht. Die Strukturen unseres Vereins sind ein Alleinstellungsmerkmal, für das wir in Europa viele Bewunderer haben. Zu Recht! Viele schauen auf uns und unsere Strukturen, holen sich Rat und bitten um unsere Hilfe und Erfahrungen, um da hinzukommen, wo wir seit Langem sind. Die Einbindung der Mitgliedschaft in Entscheidungsprozesse bzw. in die Entscheidung über die Besetzung von Positionen werden seit Jahren sogar von der EU gefordert. Und wenn man die letzten Wochen verfolgt hat, dann ist das Thema demokratische Strukturen nicht nur beim Fußball ein Thema. Wollen wir wirklich ernsthaft darüber diskutieren, ob wir diese Art der Mitbestimmung bei uns für alle Zeiten beenden wollen??
Quelle:
Unter anderem veranstaltete der HSV Supporters Club – übrigens eine eigene Abteilung beim HSV – einen Infotag unter dem Thema „Mein Verein – Der perfekte Verein?!“ inklusive einer Podiumsdiskussion. Die Vorträge gingen in Sachen Qualität, Transparenz und Unabhängigkeit weit darüber hinaus, was in den Regionalversammlungen und der Zukunftswerkstatt des VfB angeboten wird. Wir empfehlen ein knapp 10-minütiges Video über die Veranstaltung als MUSS für jedes VfB-Mitglied.


Die Veranstaltung war, wie man auf dem Video erkennen kann, leider ähnlich schlecht besucht wie die zweite Runde der Regionalversammlungen beim VfB. Beim HSV gab es aber noch eine Reihe weiterer Informationsveranstaltungen, sowohl mit, als auch ohne Vereinsvorstand. Teilweise in Norddeutschland aber auch in anderen Bundesländern, bis runter nach Hessen.

Die teilweise Meinung der VfB-Mitglieder, dass unser Verein hier eine bis dato nicht gekannte Informationspolitik betreibt ist deshalb falsch. 

Obwohl eine Vielzahl an vernünftigen Stimmen von einer Ausgliederung abgeraten haben ist das Ende bekannt. Das schnelle Geld war auch in Hamburg das Totschlagargument der Befürworter.

Wie bei uns stellte man beim HSV die Frage: was ist die Klitsche überhaupt wert? Gemacht hat das z.B. das Abendblatt in einem sehr bekannten eigenen Blog.

Der folgende Passus ist dem Blog entnommen. Er ist sehr lang aber er liest sich gut. Wir haben ihn deshalb übernommen.

Zunächst gilt es als ungeschriebenes Gesetz, dass in der Wirtschaft die Vermittlung von Beteiligungen als schwierigstes Geschäft eingeordnet wird. In der Bundesliga haben es im Grunde zwei Vereine auf unterschiedliche Weise versucht. Der FC Bayern mit dem Verkauf von Anteilen an Audi und Adidas, Borussia Dortmund durch seine Aktie. Eins ist ein Erfolgsmodell für die Teilhaber, das andere für die Aktionäre nicht. Beim HSV soll nach dem Rieckhoff-Modell so etwas Ähnliches wie bei den Bayern ermöglicht werden. Unabhängig davon, ob es überhaupt ein Unternehmen gibt, das Interesse an HSV-Anteilen hätte, gilt eine Faustregel bei der Ermittlung eines Unternehmenswertes:

Substanzwert plus Ertragswert, das ganze geteilt durch zwei, ergibt den Gesamtwert – und diesen Gesamtwert suchen wir.

Unter Substanzwert fallen beim HSV folgende Punkte zusammen: das Stadion, die Spielerwerte, die stille Reserve im Marktwert der Spieler, Grundstück und Gebäude in Ochsenzoll sowie die „Marke“ HSV. Dagegen stehen Verbindlichkeiten. Im Einzelnen:

Für ein Stadion rechnet man im Allgemeinen 3000 Euro pro Platz, für die imtech-Arena und seine 57.000 Zuschauerplätze ergibt sich demnach ein Betrag von 171 Millionen. Spielerwerte waren in den letzten beiden jüngsten Bilanzen (2010/11 und 2011/12) mit 38 bzw. 29 Millionen Euro veranschlagt. Die aktuelle Bilanz von 2012/13 ist noch nicht veröffentlicht, aber durch die Käufe von van der Vaart und anderen dürfte dieser Betrag aktuell höher sein. Nehmen wir deswegen ruhig 40 Millionen Euro. Darüber hinaus steckt in der Mannschaft noch eine sogenannte „stille Reserve“. Hier handelt es sich um hohe Marktwerte von Spielern, die beim HSV nicht mehr oder nur mit geringen Beträgen zu Buche stehen, weil sie keine Ablöse gekostet haben oder ihre Ablösesumme bereits abgeschrieben ist. Adler, Jansen oder Calhanoglu fallen in dieses Raster. Zusätzliche 15 Millionen Euro scheinen mir einigermaßen realistisch.

Einen Wert hat beim HSV das Gelände und die Gebäude (Jürgen-Werner-Schule und Anno1887) in Norderstedt. Da das riesige Areal mit seinen vielen Sportplätzen kein Bauland ist, scheint zehn Millionen Euro für alles bereits eine hochgegriffene Zahl zu sein. Weitere echte Werte besitzt der HSV nicht. Wir sind bislang bei 236 Millionen Euro angekommen.

In kurzen Worten kann ich den Ertragswert des HSV abhandeln. Hier wird die Jahresbilanz der letzten Jahre genommen. Da der HSV drei Mal in Folge in den Miesen war (insgesamt 20 Millionen), kommt der Verein gut weg, wenn man hier einfach eine Null ansetzt. Mit anderen Worten: der HSV hat keinen Ertragswert.

Noch ist die Rechnung nicht abgeschlossen. In der Wirtschaft werden das Umlaufvermögen des HSV (ca. 45 Millionen Euro) und auf der anderen Seite laufende Verbindlichkeiten (ca. 43 Millionen) hinzugezogen. Die Zahlen heben sich in etwa auf, wir können sie deswegen vernachlässigen.

Nicht vernachlässigen kann man die Verbindlichkeiten des Vereins für das Stadion. Hier muss der HSV noch etwa 35 Millionen Euro an die Banken tilgen. Dieser Betrag ist von den 236 Millionen (s.o.) abzuziehen. Ebenfalls abgerechnet werden muss ein Betrag von 48 Millionen Euro, den der HSV in seiner Bilanz für Grundstückswerte stehen hat. Hier ist fast ausschließlich das Stadion gemeint, und da dieses Stadion bereits einmal in der Bewertung drin ist, und zwar mit 171 Millionen, kann es nicht ein zweites Mal erfasst werden. (Ansonsten würde der Ertragswert des HSV mit dem Fehlbetrag von 48 Millionen Euro belastet). Wir sind der Rechnung zufolge auf 153 Millionen Euro zurückgefallen.

Und hier beginnt die große Unbekannte: der Wert der „Marke“ HSV! Wie kann man dies veranschlagen? Es gibt so gut wie keine Vorreiter-Modelle. Die Bayern sind bei ihrem Anteilverkauf vor Jahren auf einige hundert Millionen Euro geschätzt worden. Aber was bedeutet das für den HSV? Ist das Image insgesamt nicht viel zu schlecht gewesen in den vergangenen Jahren und verkauft der HSV seine „Marke“ nicht schon gewissermaßen regelmäßig durch die Hilfe seiner Sponsoren? Was ist die HSV-Raute wert oder die Tatsache, dass dieser Verein als einziger immer in der Bundesliga war? Zählt es als echter Wert, dass so viele glauben, der HSV sei ein schlummernder Riese in einer Stadt voller Wirtschaftskraft und Fußball-Begeisterung? Kritische Zeitgenossen würden dem HSV sicher einen Markenwert von null Euro zuschreiben. Optimisten sehen dort eher einen dreistelligen Millionen-Betrag. Ich könnte mir vorstellen, dass die KPMG lange grübeln wird über diesem Wert und ihn am Ende eher höher ansetzt als niedriger. Für unser Rechenbeispiel nehme ich deswegen eine runde Summe: 100 Millionen.

So kommen wir also wieder auf 253 Millionen Euro, die – wie eingangs berichtet – in der Wirtschaft per Faustregel halbiert wird. Diesem Gedanken zufolge ist der HSV aktuell 126,5 Millionen Euro wert und ich bin am Ende meiner Überlegungen.

Was meint Ihr? Gibt es hier große Fehleinschätzungen? Ist die Summe nicht ein bisschen dürftig? Der Verkauf von 25 Prozent HSV würde dieser Rechnung zufolge knapp 32 Millionen Euro bringen. Besitzt die „Marke“ HSV in Wirklichkeit einen viel höheren Wert? Oder einen niedrigeren? Sollten wir einige Jahre abwarten, so bis sich der Ertragswert erholt hat, die Verbindlichkeiten fürs Stadion weg sind und die Spieler wieder wertvoller sind? Mir raucht jetzt ganz schön der Kopf…

Der HSV hatte demnach einen Wert von knapp 130 Millionen Euro – inklusive dem Stadion! Hier ist anzumerken, dass der VfB kein Stadion hat. Wir verweisen diesbezüglich auf uns selbst:

https://dervfbblog.wordpress.com/2016/02/20/die-tochergesellschaften-des-vfb-stuttgart/

Aus welchem Grund also sollte der VfB so viel mehr wert sein als der Hamburger Sport-Verein? Und warum werden in Hamburg bereits im Entscheidungsprozess unabhängige Wirtschaftsprüfer mit einbezogen, während man beim VfB den Standpunkt vertritt, dass eine Wertermittlung auch noch nach der entscheidenden Mitgliederversammlung erfolgen kann?

Die kritischen Stimmen bei den Norddeutschen unterscheiden sich nicht von den kritischen Stimmen der Süddeutschen:

«Ob 25 oder 45 Prozent: Am Ende entscheiden immer die Investoren», begründete Hunke seine Ablehnung und warnte «vor einem Schnellschuss: Warum sollen wir sofort verkaufen, ohne dass wir den Käufer und den Preis kennen?» Es gebe nur einen deutschen Club, bei dem ein Investorenmodell funktioniere: Bayern München. «Alles, was sonst in den letzten zehn Jahren ausgegliedert hat, war erfolglos.»

http://www.fnp.de/sport/fussball/Hunke-stellt-sein-HSV-Zukunftskonzept-vor;art148,646923

Diese Worte könnten 1:1 von mir sein. Wir müssen das Rad hier nicht neu erfinden, wir müssen einfach nur nach Hamburg schauen.

Was aber überzeugte die Ausgliederungsbefürworter beim Bundesliga-Dino?

„Wir sind ein schwerer Tanker inmitten von Schnellbooten“, sagte der HSV-Marketing-Vorstand Joachim Hilke, „wir brauchen solide Finanzen, gute Rahmenbedingungen und Schnelligkeit im Handeln. Nichts davon haben wir aktuell.“

Rieckhoff beruhigte die Gegner einer Öffnung für Investoren: „Von Ausverkauf oder verschachern kann keine Rede sein.“

Einen anderen emotionalen Höhepunkt erlebt die Versammlung, als der Reformer Rieckhoff seine „vier 83er“ vorstellt, die Europapokalsieger von vor gut drei Jahrzehnten: Horst Hrubesch, Ditmar Jakobs, Thomas von Heesen und Holger Hieronymus. Sie zählen zu Rieckhoffs Unterstützern. Der Glaube an die Eignung von Exprofis für höhere Aufgaben hält sich im Fußballmilieu trotz fragwürdigen Erfahrungen. Als die vier auf Rieckhoffs Bitte aufstehen, leuchten die Augen der HSVer. Sie springen auf, applaudieren lange, skandieren. Später werden sie sich Autogramme holen. Seit dem großen Sieg 1983 gab’s nicht mehr viel zu feiern für den HSV-Fan.

Wie beim VfB mit regelmäßigen emotionalen Videos waren es auch beim HSV die Helden der glorreichen Vergangenheit, die nochmal ins Schaufenster gestellt wurden und brav ihren Text aufsagten.

Eine schöne Textpassage im Rahmen meiner Recherchen fand ich die folgende des Magazins Zeit:

„Zum Erfolg braucht man einen starken Vorstand, einen starken Trainer, einen starken Sportdirektor“, flüstert ein langjähriges Vereinsmitglied, der an der Wand lehnt und das Geschehen aus der Distanz beobachtet. „Was haben wir?“ Und Peter Krohn, HSV-Präsident in den 1970ern, sagt: „Endlose Diskussionen über falsche Strukturen bringen nichts. Es geht nicht um Strukturen. Es geht um die Männer, die etwas tun.“

Über 80 Prozent der knapp 10.000 anwesenden Mitglieder stimmten 2014 für eine Ausgliederung beim HSV. Die Folgen und was danach geschah gibts demnächst im dritten Teil der rauten Sache.


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