Die HSV AG. Eine raute Sache. Teil 1

In unserem Basiswissen haben wir bereits geschildert, dass erstmals im Jahr 2000 das Thema „Ausgliederung“ beim VfB Stuttgart auf den Tisch kam. Der HSV wiederum muss historisch bis ins Jahr 1991 zurückblicken um die Anfänge seiner Aktiengesellschaft zu dokumentieren.

Der SPIEGEL schrieb damals:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488552.html

Aber seit vier Monaten hat der HSV einen Präsidenten, der sich dynamisch gibt. Jürgen Hunke („Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden“) hatte auch ganz schnell ein „geniales Konzept“, mit dem er Millionen in die Kasse zaubern möchte: 36 000 Aktien a 1000 Mark sollen 36 Millionen Mark einbringen.

Ob Hunke überhaupt ein paar Millionen sammeln kann, ist jedoch fraglich. Da kein Kreditinstitut die Emission der hochspekulativen HSV-Aktien wagen würde, muß der Verein seine Papiere selbst verkaufen – zum Nominalwert zuzüglich etwa 70 Mark Ausgabekosten. Das fällt um so schwerer, als das Papier einer schlechtverzinsten Schuldverschreibung ähnelt. Weil aber, wie HSV-Schatzmeister Hans Manhard Gerber weiß, „die Leute was zum Anfassen haben wollen“, druckt der Klub das Wort „Aktie“ darauf, das klingt besser.

Als Kapitalanlage, das gibt selbst Hunke inzwischen zu, ist die HSV-Aktie nicht gerade empfehlenswert – Investoren scheiden damit von vornherein als Käufer aus. Hunke setzt auf Fans und Freunde des Vereins, denen ideelle Werte genügen.

Der Spiegel hielt sich aber auch sonst nicht mit Kritik zurück und ergänzte:

Steuerschulden von gut 400 000 Mark plagten den Wiesbadener Bauunternehmer Siegfried Riedel, und keine Bank wollte ihm soviel Geld leihen. Da wandelte er seine Firma in eine AG um und versuchte sich das Geld von seinen Aktionären zu holen. Das klappte leider nicht. Wenige Monate später meldete die Riedel-Haus AG Vergleich an. Ziemlich klamm war auch der Bonner Ordenshersteller Lothar Wurzer, als er aus seinem maroden Betrieb eine AG machte und überteuerte Aktien für knapp sechs Millionen Mark ausgab. Es dauerte knapp ein Jahr, da war die Firma pleite.

Nun will sich, zum dritten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte, ein finanziell schwer angeschlagenes Unternehmen mit der Ausgabe von Aktien sanieren: der Hamburger Sportverein.

Die Aktion schien demnach zum Scheitern geboren zu sein und wurde dann trotz einer groß angelegten Werbekampagne auch nicht umgesetzt. Was blieb war das im Handelsregister eingetragene Konstrukt „HSV Sport AG“ und der Werbeflyer von und mit Jürgen Hunke sowie dem HSV-Spieler Dietmar Beiersdorfer.

20 HSV AG 1991

Die HSV Sport AG war anschließend viele Jahre nicht operativ tätig und kam in den Fokus der Öffentlichkeit erst wieder ab September 2013.

http://www.t-online.de/sport/fussball/bundesliga/id_65291696/hamburger-sv-ernst-otto-rieckhoff-plant-ausgliederung-nach-bayern-vorbild.html

„Unser armer Sportchef Oliver Kreuzer kann nicht einmal einen Stürmer kaufen“, bewertete Rieckhoff vielsagend das gegenwärtige Dilemma.

Wie der VfB plante auch der HSV eine Ausgliederung „nach dem Bayern-Vorbild“. Zur Beruhigung der Mitglieder enthält die später beschlossene Fassung folgenden Passus, der uns ebenfalls nicht unbekannt ist, sondern vom VfB auch vorgeschlagen wird:

Bis zu 24,9 Prozent der Anteile können an strategische Partner verkauft werden, ab einem Verkauf von 25 Prozent muss die Mitgliederversammlung des e. V. befragt werden.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/HSV_Fußball_AG

Nicht nur im Lied der Fanta4, auch im wahren Leben stehen „HSV, VfB, ole, ole“ insofern Seit an Seit.

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Wer sich mit der Ausgliederung beim HSV beschäftigt oder mal darüber gelesen hat, dem ist die Initiative „HSVPlus“ sicherlich noch ein Begriff. Hierbei handelte es sich um eine professionelle und sehr kostenintensive Mitgliederaktion, die im Wesentlichen sieben Kernpunkte verfolgte.

Dabei handelte es sich u.a. um die Ausgliederung der Profiabteilung zur Gewinnung von Investoren und um die Verkleinerung des in sich zerstrittenen elfköpfigen Aufsichtsrats. Ein weiterer Punkt waren – wiederum eine Parallelität zum VfB – die Wahrung der Mitgliederrechte:

http://www.goal.com/de/news/827/bundesliga/2014/05/24/4837927/f%C3%BCnf-fragen-zu-hsvplus-logischer-schluss-oder-katastrophe

Darüber hinaus sei das Mitbestimmungsrecht der Mitglieder in der Fußball AG gesichert. Das Präsidium, welches nach Zustimmung mit dem Beirat und dem Wahlausschuss den Aufsichtsrat der Fußball AG ernennt, wird direkt gewählt und der HSV e.V. bleibt Mehrheitsgesellschafter der HSV Fußball AG. Außerdem sollen Beirat und Wahlausschuss zumindest überwiegend direkt durch die Mitglieder gewählt werden.

Hierzu sei ein Bericht des Magazins „Zeit“ vorweggenommen, der am 26. Mai 2014 veröffentlicht wurde und damit einen Tag nach der Mitgliederversammlung des HSV, bei der die Ausgliederung beschlossen wurde.

http://www.zeit.de/sport/2014-05/hsv-plus-hamburger-sv-beiersdorfer

Unter der Überschrift „HSV Plus – eine neue Versuchung, Geld aus dem Fenster zu werfen“ heißt es:

Der HSV war lange stolz auf seine Demokratie, doch nach einer weiteren frustrierenden Saison haben die Mitglieder sie abgeschafft. Rund 87 Prozent der zehntausend anwesenden HSV-Mitglieder schenkten HSVPlus am Sonntag eine große Mehrheit.

Die „Zeit“ ist dabei ehrlich, dennoch einfach zu spät dran. Denn vergleichbare Kommentare als Warnungen an die Mitglieder VOR der Abstimmung findet man medial nirgends. Ein ähnliches Schauspiel wie auch in der Stuttgarter Gazettenlandschaft, welche die Ausgliederung jetzt regelmäßig bewirbt, ohne den Leser umfassend zu informieren.

Kritik am Modell HSVPlus fand sich dagegen vereinsintern in einer starken Opposition, angeführt von Jürgen Hunke. Ebenjener Hunke, der 1991 mit der AG den Prozess erstmals aufnahm, formierte sich jetzt als Widerstand. Sein damaliger Fotopartner Beiersdorfer dagegen war Handlanger des Modells HSVPlus und ist heute Entscheidungsträger der ausgegliederten Aktiengesellschaft.

Jedenfalls hieß es von Seiten der Opposition unter anderem:

http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article128200393/HSV-Allianz-warnt-massiv-vor-HSVPlus.html

… Doch so wie das HSVPlus vor hat, geht es nicht“, erklärte der Hamburger Rechtsanwalt Andreas Costard, der sich intensiv mit dem 300 Seiten langen Ausgliederungsbericht der Rieckhoff-Initiative auseinander gesetzt hat. „Erstens verlieren die Mitglieder Rechte, zweitens wird Finanzinvestoren Tür und Tor geöffnet, und drittens werden das Stadion und die Raute als Markenzeichen verkauft.“

Vor allem die Verkäufe dürfe es nach Ansicht von Hunke niemals geben, der von einem „Schnellschuss“ spricht und HSVPlus anbietet, einen gemeinsamen Nenner zu finden. „Ich kann nur davor warnen, diesen Weg so zu gehen. Es kommt nicht auf die Rechtsform an, sondern ausschließlich auf die Qualifikation der handelnden Personen…

Wir haben einen Passus hier deshalb fett markiert, weil im Vereinsentwicklungsforum des VfB folgende Mär Einzug hielt:

20 Mär Vereinsentwicklungsforum

Das soll aber nicht von den anderen wesentlichen Aussagen ablenken, die ich gerne nochmal wiederhole:

– Erstens verlieren die Mitglieder Rechte
– Es kommt nicht auf die Rechtsform an, sondern ausschließlich auf die Qualifikation der handelnden Personen

Beide Punkte wurden von den Ausgliederungsbefürwortern natürlich – siehe oben – energisch bestritten, beides bestätigte sich aber unmittelbar nach der Ausgliederung. Zu den Mitgliederrechten siehe oben den Bericht der „Zeit“, zur Qualifikation der handelnden Personen und den Konsequenzen deren Handeln siehe die Berichterstattung der letzten Monate, beispielhaft:

http://www.focus.de/sport/fussball/bundesliga1/pannen-hsv-kommt-nicht-zur-ruhe-rucksack-affaere-nicht-nur-knaebel-betroffen-auch-ihm-fehlen-dokumente_id_5070217.html

Beim HSV wurde infolgedessen im Vorfeld über die Ehrlichkeit der Ausgliederungsbefürworter diskutiert.

http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article128200393/HSV-Allianz-warnt-massiv-vor-HSVPlus.html

Sein Mitstreiter Ferslev spricht gar von einer „bewussten Täuschung“ der Mitglieder und dem „verlogensten Ausgliederungsbericht“, den er in seinem Berufsleben gesehen habe. Er prangert an, dass die Vereinsmitglieder keineswegs per repräsentativer Demokratie am ausgegliederten Geschäftsbereich Profi-Fußball beteiligt werden würden, so wie es die Initiatoren von HSVPlus erklärten. Zudem sei auch keinesfalls gewährleistet, dass die mögliche Anteilsveräußerung an strategische Partner maximal 24,9 Prozent betrage. Durch eine Kapitalerhöhung könne auch ohne Zustimmung der Mitglieder der Anteil auf 33 Prozent steigen. „Dieses Konzept ist ganz klar auf Renditejäger und Hedge-Fonds ausgerichtet, auf Leute, die das schnelle Geld verdienen wollen“, erklärte Ferslev.

Anmerkungen der Redaktion: 1. Rainer Ferslev ist Anwalt. 2. Die Problematik einer Kapitalerhöhung würde es in gleicher Weise auch beim VfB geben. Dies wurde von uns bereits im Podcast „Rund um den Brustring“ angedeutet und wird zu einem späteren Zeitpunkt nochmal konkretisiert werden.

Eine Diskussion beim VfB über die Ehrlichkeit von Herrn Wahler und Herrn Heim gibt es bisher gar nicht. Auch eine Streitkultur ist nirgends auszumachen. Ich persönlich bin froh, dass wir keine Schlammschlacht wie beim HSV haben aber wir nehmen immer alles so lethargisch hin, hinterfragen gar nix und sind durch die Fehlentscheidungen unseres Managements über die Jahre so abgestumpft, dass uns vieles einfach egal ist. Bei diesem Thema darf es uns aber nicht egal sein!

An dieser Stelle folgt eine Pause. Wir möchten den Bericht nicht überfrachten. Teil zwei zum HSV folgt.


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