Würdigung Punkt „Ausgliederung und Anteilsverkauf“

Der VfB Stuttgart hat für sich festgestellt, dass er mit seinen finanziellen Mitteln nicht die Ziele erreicht, die er erreichen möchte. Diese Situation bietet verschiedene Lösungsmöglichkeiten: entweder mit den vorhandenen Mitteln besser wirtschaften oder die vorhandenen Mittel erhöhen. Der VfB Stuttgart prüft beide Optionen.

Dass der VfB Stuttgart in seinem Exposee nicht weiter auf die abgelehnten Alternativen eingeht erweckt den Eindruck der mangelnden Transparenz. Eine ausführliche Würdigung aller Möglichkeiten ist jedoch Aufgabe des Vereins und wird an dieser Stelle hier nicht vorgenommen.

Die Frage der Fananleihe soll jedoch ebenso behandelt werden wie die Möglichkeit des Anteilskaufs durch Fans: Fananleihen gibt es bereits bei anderen Vereinen, jüngst beim MSV Duisburg. Anleihen gehören für eine Unternehmung zu den klassischen Mitteln der Beschaffung von Fremdkapital. Sie verbriefen einen Rückzahlungsanspruch und Zinszahlungen in bestimmter Höhe als Entgelt für die Überlassung des Kapitals. Während ein Investor durch den Kauf von Aktien (Mit)-Eigentümer der Gesellschaft wird, sind die Inhaber von Anleihen Gläubiger. Im Unterschied zu Krediten werden Anleihen im Prinzip öffentlich begeben, so dass jedermann dem „Herausgeber“ der Anleihe Kapital für die Dauer der Laufzeit überlassen kann. Vereinfacht ausgedrückt kommt die Sache einem Kredit sehr nahe. Der MSV Duisburg bot Kapitalgebern dafür im September 2015 einen Zinssatz von 6 Prozent. Marktübliche Verzinsungen für Anleihen der Bundesrepublik Deutschland lagen im gleichen Zeitraum nahe 0 Prozent.

https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Service/Bundeswertpapiere/Rendite/kurse_renditen_bundeswertpapiere_2015_09.pdf?__blob=publicationFile

Wie an anderer Stelle ausgeführt bezahlt Schalke 04 sogar noch deutlich mehr Zins für ausgegebene Anleihen.

Der Verkauf von Aktien an Fans ist aufgrund der zu erwartenden hohen Zahl an Aktionären bei vergleichsweise geringer Zahl an gekauften Aktien mit einem hohen Aufwand verbunden. Auch für den Fan gibt es bessere Möglichkeiten der Unterstützung des Vereins als durch den Kauf von Aktien, die er im Zweifel nicht mehr weiterverkaufen kann. Sollte die Option durch das Interesse von Fans akut werden, ist hier eine weitere Vertiefung möglich.

Der VfB Stuttgart möchte sich also genau aussuchen, wem er Anteile verkauft. Das ist vernünftig, schmälert in der Regel aber die Erlöse. Gleichwohl sollte der geringere Erlös in Kauf genommen werden um sich seriöse Partner ins Boot zu holen. Seriosität erwartet der VfB Stuttgart dadurch, dass er auf strategische Partner statt auf Finanzinvestoren setzt. Strategische Partner sollen dabei keine finanziellen Interessen verfolgen, sondern ihre regionale Verbundenheit zeigen. Inwiefern diese Strategie nur bis zur Zustimmung der Mitglieder andauert oder über Jahre fortwährt ist spekulativ. Wenn aber bspw. GAZi Investor beim VfB Stuttgart werden würde und nächste Woche würde GAZi von einem chinesischen Automobilzulieferer übernommen (Extrembeispiel), dann wäre ab nächster Woche neben Daimler noch ein vermutlich konkurrierender chinesischer Automobilzulieferer Anteilseigner des VfB Stuttgart. Eine regionale Verbundenheit wäre nur noch durchs Fernglas zu erkennen. Das Beispiel soll aufzeigen, dass der Status quo des heutigen Datums nicht für alle Ewigkeiten währt. Wenn GAZi nicht morgen übernommen wird, so vielleicht in zehn Jahren. Dann ist mein Sohn zwölf Jahre alt und hoffentlich vernünftig genug, in der Cannstatter Kurve zu stehen. Er wird aber irritiert sein, wenn der VfB Stuttgart plötzlich Chinesen gehört.

Ebenfalls vom VfB Stuttgart nicht näher erläutert ist die Vorgehensweise, alle Mannschaften ab der U16 in die Profiabteilung auszugliedern. Was ist der Vorteil und was sind die Nachteile? Wäre es vielleicht eine Option, für die Jugend in eine eigene AG zu gründen? Die AG der jungen Wilden in der sich vielleicht andere Investoren wiederfinden als in der AG der furchtlosen und treuen Bundesligakicker. Wäre das eine Option oder keine Option und warum? Antworten auf diese Fragen muss der VfB Stuttgart liefern. Ebenso ist nirgendwo erläutert was passiert, wenn ein Spieler von der U15 = Verein in die U16 = AG aufsteigt. Wird dann eine Ablöse fällig? Wie sind die Abhängigkeiten zwischen Verein und AG im Nachwuchsbereich? Sind Trainer des Vereins beim Verein angestellt und Trainer der Mannschaften ab der U16 bei der AG? Was sind hier Vor- und Nachteile? Wer scoutet Spieler die jünger sind als 16? Haben Verein und AG jeweils eigene Scoutingabteilungen?

Im Weiteren führt der VfB Stuttgart aus, ein Wertgutachten erstellen zu lassen um nach der Ausgliederung seinen eigenen Preis zu ermitteln. Das Wertgutachten wird vermutlich von unabhängigen Wirtschaftsprüfern erstellt werden, der Preis hierfür dürfte sich in den Dimensionen des Monatsgehalts eines durchschnittlichen Bundesligaspielers bewegen. Hier sei die Frage eingeworfen, warum nicht bereits heute ein solches Gutachten erstellt wird und im Falle des Falles nur noch eine Aktualisierung vorgenommen wird? Es wäre für Ausgliederungsbefürworter als auch für Gegner der Ausglieder ein Zeichen von Transparenz, wenn nicht mit geschätzten, sondern mit belegbaren Werten operiert würde. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass die Ausgliederung nicht bedeutet, dass Anteile verkauft werden oder verkauft werden müssen. Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen sind Beispiele von ausgegliederten Profiabteilungen, die keine Anteile verkauft haben. In diesem Fall bedeutet die Ausgliederung vereinfacht ausgedrückt nur, dass die Mitglieder des Vereins den Einfluss verlieren, jedoch kein Eigenkapital generiert werden konnte.

Kritisch zu würdigen ist auch der Zeitpunkt des Anteilsverkaufs. Das Gutachten wird den Wert des VfB Stuttgart zu einem Stichtag bestimmen. Ein Stichtag rund um den 19. Mai 2007 hätte einen erheblich höheren Wert ergeben als ein Stichtag nach dem 33. Spieltag der Saison 2014/2015. Je höher der Wert, je höher die Einnahme. Es macht vergleichbar wenig Sinn, sich dann zu verkaufen, wenn man selbst wenig wert ist. Zumal der VfB Stuttgart im Gegensatz zu anderen Vereinen kein eigenes Stadion bieten kann, dessen Wert unabhängig von sportlichem Erfolg ermittelt werden kann. Zur Stadionproblematik siehe Punkt 5 unter https://dervfbblog.wordpress.com/2016/02/20/die-tochergesellschaften-des-vfb-stuttgart/.

In Fankreisen viel diskutiert ist auch der Punkt der Gewinnausschüttung und die Frage, warum ein Investor investiert, wenn er sich einen Gewinn nicht ausschütten lassen mag. Die Argumentation des Vereins ist an dieser Stelle plausibel. Die Ausschüttung einer Dividende ist für den Kapitalgeber vernachlässigbar, wenn seine Anteile an Wert gewinnen. Damit seine Anteile an Wert gewinnen muss der VfB Stuttgart insgesamt an Wert gewinnen. Dies kann er vereinfacht ausgedrückt auch dadurch erreichen, dass er Gewinne thesauriert (einbehält). Im Übrigen sollte nicht davon ausgegangen werden, dass der VfB Stuttgart künftig relevante Gewinne erzielt. Die Crux ist natürlich, dass sich der VfB Stuttgart mit jeder Steigerung der Anteilswerte vergleichsweise zu billig verkauft hat.

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